Training für Körper, Geist und Seele

Capoeira als Sport 

Capoeira ist nicht nur ein Kampfsport, sondern auch ein Tanz. Gemischt mit akrobatischen Elementen hat man bei dieser Sportart schier unbegrenzte Möglichkeiten sich auszudrücken und mit seinem Gegenüber zu "spielen". Man versucht Körperkontakt zu meiden, indem man bei Angriffen ausweicht. Erfolgreiche Attacken werden aber meist nur angedeutet, damit es zu keinen Verletzungen kommt. Trainiert wird bei diesem Sport Körperbeherrschung, Ausdruck, sowie mentale und physische Fitness und Schnelligkeit.

Capoeira als Musik

In die Musik werden alle Capoeiristas eingebunden. Die "Band", die sog. Bateria, besteht hauptsächlich aus Berimbaus, Pandeiro und Atabaque, sowie verschiedenen Klanginstrumenten. Die Musik bildet einen wesentlichen und wichtigen Teil der Capoeira, sie bestimmt den Stil und auch den Rhythmus des Capoeira-Spiels. Es wird durchwegs auf Portugiesisch gesungen und wer die Sprache versteht, ist hier im Vorteil, da über den Gesang eine Nachricht an die "Spielenden" vermittelt wird. Wer noch kein Portugiesisch kann, handelt mit Intuition bzw. Nachahmung, und wird es mit der Zeit ganz nebenbei lernen. 

Über die Musik wird die Energie der Anwesenden harmonisiert, vereint und den Spielenden zur Verfügung gestellt. 
Da in der Capoeira Musik der Musizierende meist ein Instrument spielt und auch gleichzeitig singt, fördert man hierdurch die Vernetzung der Hirnhälften, entwickelt musische Anlagen und trainiert das Rhythmusgefühl. 
Außerdem werden Instrumente erlernt und die Gesangstimme trainiert.  

Capoeira als Philosophie

Capoeira ist ein Weg, auf dem man verstehen lernen kann, wie das Leben funktioniert.

Durch das körperliche und geistige Training werden Blockaden gelöst und die/der Trainierende findet meist einen besseren Zugang zu sich selbst. So kann man als Capoeirista spüren, was man vermisst oder was zu viel ist im Leben. Außerdem birgt es die Möglichkeit, sich dem Leben zu öffnen, gute Dinge willkommen zu heißen, und weniger gute Dinge gehen zu lassen. 

Capoeira ist ein Aufruf für Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung. Ein ständiger Prozess der Entwicklung und Schulung des Geistes und des Körpers.

Dadurch ist der Weg offen, für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins, das emotionale Befinden kann sich positiv festigen. Durch die magische Energie der Capoeira kommt man in den Genuss von Gruppengefühl, Glücksgefühl und Vitalität. 

Eine Philosophie der Capoeira zu beschreiben, ist schwierig. Sie ist weder irgendwo nieder geschrieben noch in einer festen mündlichen Überlieferung weitergegeben. Sie ist etwas, von dem wohl jeder Capoeirista sagen wird, dass es in gewisser Weise existiert, aber in keinem irgendwie gearteten Regelwerk zu finden ist. Es ist etwas, das man zwischen den Klängen der Musik, in den Stimmen der Singenden und im Fluss der Bewegungen der Spieler findet. Nestor schreibt, die Capoeira sei eine Schule der Weisheit und in ihr lerne man, wie die menschlichen Wesen im Spiel des Lebens wechselwirken und man ahne etwas von dem, was die Welt und das Universum regiere. Ist die Capoeira also zugleich vielleicht auch eine Suche? Eine Suche nach Erkenntnis und Wahrheit? 

Die Roda

Die Roda besteht aus der Bateria ("Musiker/Band") und den Capoeira Spielern, die im Kreis stehen. In der Mitte dieses Kreises findet das Capoeira Spiel statt. 

Eine sozial-philosophische Betrachtung:

Zwei Capoeiristas spielen im Kreis der Roda. Alles dreht sich um sie. Doch der Kreis, der sie umgibt, besteht auch aus Capoeiristas, potentiellen Spielern, die involviert sind. Sie bestimmen das Spiel mit, geben Energie oder greifen sogar ein. Eine Situation, wie im richtigen Leben: Zwei Menschen mit Bezug zueinander und die Gesellschaft, die sie umgibt, beeinflusst und prägt. Jedes Spiel, jede Beziehung zwischen zwei Menschen, jeder Spieler ist einzigartig. Capoeira ist offen und flexibel. Das Leben ist offen, voller Chancen und Möglichkeiten. Jeder Spieler entwickelt ein ihm innewohnendes Spiel und verhält sich im Kreis seinem Charakter entsprechend. Jeder Mensch lebt sein Leben nach seiner Art. Sein Charakter bestimmt sein Verhalten und welchen Weg er einschlägt. Der Charakter eines Spielers trifft auf den Charakter seines Gegenübers. Wie im Leben entsteht eine komplexe Beziehung. Man agiert und reagiert aufeinander. Je intensiver das Spiel oder die Beziehung ist desto mehr beeinflusst und prägt man sich gegenseitig. Ein kurzes, flüchtiges Spiel, ein kurzes Kennenlernen, ein flüchtiger Kontakt. Wie im Leben kann man in der Roda erneut aufeinander treffen, sich wieder begegnen. Jede Begegnung und jedes Spiel kann anders sein als zuvor und doch lernt man sich mit der Zeit besser kennen und einschätzen. Man erkennt bei jedem bestimmte Charakterzüge und kann voneinander lernen. Treffen zwei Capoeiristas in der Roda aufeinander, kann das Spiel mehr oder weniger harmonisch sein. Man muss sich wie im Leben auf seinen Gegenüber einstellen, auf ihn eingehen und wie im einzelnen Gespräch Fragen stellen und Antworten geben. Nicht mit jedem versteht man sich gleich gut. Doch mit neuen Erfahrungen und Einflüssen können sich Beziehungen ändern, das Spiel kann reifen. Ein Bekannter kann zum Freund werden oder aber die Sympathie verlieren. Jeder hat den Charakter und die Entwicklung eines Spiels ein stückweit selbst in der Hand. Ist ein Capoeirista kooperativ, kann das Spiel sich gut entwickeln. Dann kann das Leben gelingen. Und wie im Leben kriegt man in der Roda Aufgaben gestellt, die man lösen muss. Sollte man hinfallen, muss man wieder aufstehen und das Spiel sowie das Leben gehen weiter.

 

Quelle: Philosophie der Capoeira © CHC & Escola N’Zinga Hannover 9 CAPOEIRA HANNOVER CENTER (CHC) x Nelkenstr. 22, 30167 Hannover der Escola Capoeira N’Zinga Hannover 

JOE PAUL KIENAST Jahrgang 1982 Universität Bremen, Studiengang Magister Philosophie und Soziologie, 9. Semester. 


Capoeira is much more than a martial art. If you never tried Capoeira, you have now a huge opportunity to find yourself